Montag, 30. November 2015

Review: "Weinberg"



Deutschland 2015

Darsteller
Friedrich Mücke
Antje Traue
Arved Birnbaum
Ronald Kukulies
Sinha Melina Gierke
Gudrum Landgrebe
u.v.a.m.

Drehbuch
Jan Martin Scharf und Arne Nolting

Regie
Till Franzen und Jan Martin Scharf

Produzierender Sender
TNT Serie

Folgenanzahl und Laufzeit
Sechs, zwischen 52 bis 55 Minuten pro Folge

Ein Mann wacht in einem Nebelverhangenen Weinberg auf. Er hat ein Wunde am Kopf und kann sich an nichts erinnern, weder wo er sich befindet oder wie sein Name lautet. Am Zaun neben ihm hängt die Leiche einer schönen jungen Frau, wer sie ist und wie diese dahin kommt kann er sich nicht erklären. Er läuft in das nahegelegene Dorf um Hilfe zu holen, doch als die Dorfbewohner zu besagter Stelle kommen ist die Frauenleiche verschwunden. Der Mann, der sich nun aus der Not heraus „Johannes Fuchs“ nennt bleibt im Dorf und staunt nicht schlecht als sich die junge Dame höchst lebendig als die Weinkönigin des Ortes entpuppt – und diese dann eine Nacht später tot an der gleichen Stelle im Zaun auf dem Weinberg gefunden wird wo sie zuvor von Fuchs gesehen wurde. Fuchs beginnt zu beobachten, zu „ermitteln“ und entdeckt viele seltsame Personen und mysteriöse Ereignisse. Welches Geheimnis hat der Weinberg….?

Das Deutsche Pay TV macht ernst. Was in den USA seit vielen Jahren gang und gäbe ist muß doch auch bei uns möglich sein: Eine Qualitativ hochwertige Serie zu produzieren die mit Internationalen Standards mithalten kann. Und so sind einige Projekte angekündigt wie das Tom Tykwer Projekt „Hotel Babylon“ für Sky Europe. Ausgerechnet der kleine Pay TV Sender TNT Serie aber schaffte es als erster eine selbstproduzierte und selbst entwickelte Serie an den Start zu bringen. Erst die Comedyserie „Add a Friend“, zwar sichtbar mit mageren Budget produziert aber dafür mit einer innovativen Idee die sogar den renomierten Grimme Preis bekam. Und nun im Herbst 2015 kommt mit „Weinberg“ bereits die zweite Eigenproduktion von TNT Serie – wieder komplett selber entwickelt und komplett in Deutschland produziert.

Wer jetzt schon direkt abwinkt mit dem Argument „Ist aus Deutschland, kann also nichts sein“ dem entgeht ein wirklich interessantes und sehr ambitioniertes Projekt das eben NICHT in diese Argumentationskette paßt. „Weinberg“ ist eben NICHT typisch Deutsch, es sieht noch nicht mal Deutsch aus obwohl es unübersehbar in Deutschland spielt und auch mit Deutschen Klischees spielt.

Die Atmosphäre ist drückend – ständiger Nebel, kühle, dunkle Bilder. Bunte Farben ? Fehlanzeige, alles ist in Erdtönen gehalten. Einen hellen Farbtupfer gibt es nicht. Die Ausstatter tobten sich in den Räumen richtig aus: dunkle Eichenmöbel, dunkle Tapeten, altmodische Möbel und Geräte (Stichwort: Telefon mit Wählscheibe) und dann noch jede Menge Hirschgeweihe und ausgestopfte Tiere an den Wänden. Wären da nicht aktuelle Autos und das ein oder andere Handy könnte man fast meinen 40 Jahre durch die Zeit gereist zu sein. Besonders krass ist Optisch der Friseursalon der eher wie ein Museum wirkt. Auch bei der Kleidung der Darsteller ist alles extrem altmodisch und bieder und in dunklen Farben gehalten, selbst das Festkleid der Weinkönigin wirkt trotz eines rosa Farbtons dunkel und düster.

Dazu jede Menge skurrile Typen. Der Wirt der Dorfkneipe, gleichzeitig Bürgermeister ist ein Egoistisches Schwein. Der Pfarrer aus Asien der kaum bzw sehr schlecht Deutsch spricht. Der stumme Junge der mehr zu wissen scheint als er zugibt. Die schräge Punkrockband. Die Weinkönigin die ein dunkles Geheimnis hat. Die streng Gottgläubig Famile wo die Frau die bereits großen Kinder noch an der Brust stillt und wo der Mann eine gar nicht so fromme Neigung hat. Die Friseuse die als Medium arbeitet. Die Lehrerin die sich selber ritzt. Und was hat es mit dem Tot eines jungen Mädchen in roten Gummistiefeln auf sich ? Ein riesiges Sammelsurium an schrägen, nicht alltäglichen Figuren.

Wer jetzt nach dieser Beschreibung denkt: „Das klingt doch irgendwie nach Twin Peaks“ der hat vom Prinzip her Recht und liegt trotzdem falsch. Die Grundsituation mag ähnlich sein, „Weinberg“ geht aber einen ganz anderen Weg. War „Twin Peaks“ eine Mystery Serie im Deckmantel einer Soap so ist „Weinberg“ komplett Soapfrei. „Weinberg“ hält seine düstere, drückende Stimmung konsequent durch und ist komplett Humorfrei.

Die Macher setzen dabei auch auf das vorhandene Lokalkolorit. Gedreht wurde das ganze im Dorf Mayschoß im Nahrtal. Die verwinkelten Gassen, die alten Häuser und die ringsherum liegenden hohen Weinberge geben die perfekte Atmosphäre ab. Es muß nicht immer USA sein, auch in Deutschland haben wir seltsame, bedrückende Orte.

Bei den Darstellern setzt man auf eher unbekannte Namen, lediglich Hauptdarsteller Friedrich Mücke dürfte dem ein oder anderen ein Begriff sein. Gudrun Landgrebe spielt auch mit, hat aber nur eine kleine (aber wichtige) Nebenrolle. Der Rest von Cast sind keine Big Names aber dafür zum jeweiligen Rollentyp passende Schauspieler die ihre Sache allesamt richtig gut machen. Zum Glück hat man der Versuchung nicht nachgegeben Werbewirksam irgendwelche großen Namen für Nebenrolle zu verpflichten.

Ein kleines Wort noch zu diversen Kritikerstimmen die man öfters nach der Ausstrahlung der ersten Folge lesen konnte. Dort kann man den Vorwurf finden das Mücke seltsam Emotionslos und nüchtern spielt. Das stimmt, hat aber einen Grund der erst bei der Pointe in der letzten Folge geklärt wird (und auf den ich jetzt nicht eingehen werde). Die Auflösung der Geschichte ist zwar jetzt nicht super innovativ oder gar neuartig, für eine Deutsche Produktion aber durchaus anders und ungewöhnlich. Denn viele Szenen und Begebenheiten, die man im laufe der Serie als komisch oder seltsam einstuft entpuppen sich nach der Auflösung als eben logisch und konsequent.

„Weinberg“ ist keine Serie für die breite Masse aber der Beweis das die Deutschen es doch drauf haben mal gute Unterhaltung auf Internationalen Niveau zu machen. Wer die Chance hat diese schräge, düstere Genrekleinod zu sehen der sollte es tun. Dranbleiben lohnt sich. Ein dickes Lob an den kleinen Sender TNT Serie der dieses Projekt gestemmt hat.
9/10

„Weinberg“ ist im Moment auf den Pay TV Sender TNT Serie zu sehen. Der Privatsender VOX hat die Free TV Rechte erworben und wird die Serie 2016 zeigen. Bei amazon Video ist die Serie ebenfalls verfügbar. Ein Datum für eine DVD / Blu-Ray Veröffentlichung ist noch nicht bekannt.

Webseite zur Serie

Weitere Kritikerstimmen
Spiegel Online
FAZ
Quotenmeter

Diese Review erschien zuerst auf DVD Narr sowie auf Liquid Love, für diesen Blog wurde die Review angepast und Sprachlich leicht verbessert.

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