Sonntag, 24. Januar 2016

Album Kritik: Steven Wilson "4 ½" (Kscope Music)


Foto: Lasse Hoile
Design: Carl Glover
Copyright Kscope Music 2016
Quelle: öffentlicher Presedownloadbereich von Kscope Music

Trackliste
01 My Book of Regrets 9:23
02 Year of the Plague (instrumental) 4:15
03 Happiness III 4:31
04 Sunday Rain sets in (instrumental) 3:50
05 Vermillioncore (instrumental) 5:09
06 Don´t hate me 9:34

Musiker
Steven Wilson - Gesang, Gitarre, diverse Synthesieser und Effektgeräte, Minimoog, Mellotron
Adam Holzman - Keyboards, Piano
Nick Beggs - Bass
Dave Kilminster - Gitarre (Track 1 & 6)
Guthrie Govan - Gitarre (Track 3)
Craig Blundell - Schlagzeug (Track 1, 5 & 6)
Marco Minnemann - Schlagzeug (Track 3)
Chad Wackerman - Schlagzeug (Track 4)
Theo Travis - Saxophone (Track 6), Flöte (Track 4 & 6)
Ninet Tayeb - Gesang (Track 6)

Alle Titel geschrieben, produziert und abgemischt von Steven Wilson
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Resteessen mit Steven Wilson - schmeckt gut hat aber einen bitteren Beigeschmack

Das Wort "Albumkritik" führt etwas in die Irre denn ein Album ist "4 ½" beileibe nicht - auch wenn Steven Wilson wie bei dem von mir besuchten Konzert in Luxemburg betont das dies durchaus ein Album mit vollwertigen Songs sei. Nur eben ein kurzes....ein sehr kurzes sogar - gerade einmal etwas mehr als 37 Minuten Laufzeit hat das ganze, zieht man den bekannten Song "Don´t hate me" ab bleiben gerade mal 26 Minuten neue Musik. Das ist Quantitativ schon etwas schwach, dafür stimmt die Qualität.

Zunächst die Fakten: "4 ½" beinhaltet vier Songs die in der Vergangenheit bei diversen Albenproductionen beim Produktionsprozess liegen geblieben sind (wobei Wilson ebenfalls beim Luxemburgkonzert betonte das dies keine "Reste" seien sondern vollwertige Songs die eben nicht auf das jeweilige Album gepasst hätten). Zwei Songs stammen von "Hand. cannot. erase." ("My Book of Regrets" und "Sunday Rain sets in"), einer von "the Raven that refused to sing" ("Year of the Plague") und einer von "Deadwing" ("Happiness III"). "Vermillioncore" ist neu, geschrieben wurde er 2013. Dazu gesellt sich eine Neuaufnahme von "Don´t hate me", den zweiten Song aus Wilsons Porcupine Tree Zeit der nun von ihm solo neu aufgenommen wurde.

Der Einstieg ist grandios und dürfte einigen Fans die in letzter Zeit ein Konzert von Steven Wilson besucht haben bekannt vorkommen - denn "My Book of Regrets" ist seit Mitte September 2015 fester Bestandteil der Setliste. Der Song erinnert ein klein wenig an "Time flies", was vor allen Dingen an der Wiederverwendung des gleichen Gitarrenriffs in der Mitte liegt. In neuneinhalb Minuten bekommt man Steven Wilson in Reinkultur serviert - eine schöne poppige Melodie, verpackt in einen wilden Ritt aus harten und zarten Gitarrenpassagen und dazu seine altbekannten laut/leise, schnell/langsam Spielchen. Ein verdammt guter Song mit Ohrwurmqualitäten, der sich auf dem Hauptalbum "Hand. cannot. erase." sicherlich gut gemacht hätte.

"Year of the Plague" ist ein nettes Ambientartiges aber ziemlich melancholisches Zwischenstück das aber durchaus zu Recht beim Ravenalbum unter den Tisch gefallen ist - es klingt zwar schön aber irgendwie kann ich mir diesen Song auf den Album nicht vorstellen, Melanchlolie hin oder her. Das gleiche gilt für "Happiness III" das einmal mehr die etwas poppige Seite von Steven Wilson zeigt - beweist er hier wieder einmal das er durchaus Radiofreundlich produzieren kann. Ebenfalls ein guter Song, aber auf der "Deadwing" wäre er definitv ein Fremdkörper gewesen.

"Sunday Rain sets in" ist nochmal eine Art Ambientartiges Zwischenspiel - nett aber auch etwas nichtssagend. Mit "Vermillioncore" gibt es dann ein sehr gutes aber leider auch zu kurz geratenes Stück Progrock der gut nach vorne geht und vor allen Nick Beggs viel Raum für seinen Bass gibt, echt schade das der Song bereits nach fünf Minuten zu Ende ist. Am Ende dann eine Neueinspielung von "Don´t hate me" - das Arrangement ist etwas verfeinert worden, ansonsten ist die größte Änderung das der Refrain jetzt von Ninet Tayeb gesungen wird was wirklich gut klingt. Dann ist das ganze auch schon wieder vorbei.

Ich stehe diesem Release etwas Zwiegespalten gegenüber. Produktionstechnisch gibt es hier nix zu meckern, es klingt einfach großartig vor allen wenn man bedenkt das einige Songs auf Liveversionen basieren - "My Book of Regrets" wurde zum Beispiel beim Montreal Konzert aufgenommen und dann im Studio vefeinert. Auch das Songmaterial ist größtenteils sehr hochwertig und bekräftigt nochmal den Ruf das selbst die Reste bei Steven Wilson immer noch eine bessere Qualität haben als der reguläre Output bei anderen Künstler. Auch das bemühen das ganze eben nicht wie eine Resteverwertung klingen zu lassen ist ehrenwert - so gehen die Songs fast alle ineinander über und geben so einen schönen Tripcharakter.

Trotzdem hat man irgendwie das Gefühl das hier was Veröffentlicht wurde nur um eben was zu veröffentlichen. Es läßt sich bei aller Fanliebe nicht verleugnen das man merkt das die Songs aus verschiedenen Perioden stammen und das der rote Faden Naturgemäß fehlt (was auch logisch ist - es ist halt Resteessen). Zudem fällt immer mehr auf das Steven Wilson eine Art "Treatmark Sound" entwickelt, einfach weil viele Harmonien typisch nach ihm klingen (einfach mal blind "Sunday Rain sets in" hören - dann weiß man was ich meine, das Teil ist so typisch für ihn und seinen momentanen Sound). Auch wenn Steven Wilson es nicht gerne hört - "4 ½" ist kein vollwertiges Album sondern bestenfalls eine bessere Maxi CD mit zwei großartigen Stücken ("My Book of Regrets" und "Vermillioncore"), drei Qualitativ guten Mitläufern sowie einer Neueinspielung die zwar gut klingt, deren Sinn sich aber nicht so ganz erschließt weil sie Musikalisch zu ähnlich am Original ist (wie auch vor einigen Monaten die Neuversion von "Lazarus").

"4 ½" ist reinrassiges Fanfutter - wer Wilson mag der wird sicherlich seine helle Freude an diesem kurzen Minialbum / EP / Maxi CD (call it what you want) haben. Diese Art von Resteverwertung ist bei Wilson nix neues und altbekannt, ein etwas schaler Nachgeschmack bleibt aber bestehen. Denn die Frage lautet wirklich: Mußte das sein ? Wäre das ganze nicht als ein Bonus für eine Live DVD oder beim nächsten regulären Album besser aufgehoben gewesen ? Zumal der Ladenpreis für diese Veröffentlichung durchaus recht hoch ist - um die 14 Euro für die CD und über 25 Euro für die Vinylfassung ist schon für das was drin ist eine Menge Holz (irgendwelche Sonderangebote habe ich jetzt nicht berücksichtigt).
Eine 7/10 ist trotz der Kritikpunkte dicke drin - sofern man Fan ist.

Das Album ist bei Kscope Music erschienen - als Cd im Digipack in einem ausgestanzten Schuber, als einfach Vinyl, als Blu-Ray Audio (mit vier Bonustracks) sowie als Download.

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